Demokratiebildung

Unsere Demokratie braucht die junge Generation

von Katharina Kanold

Projektleiterin Demokratiebildung

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Unsere Demokratie gerät derzeit zunehmend unter Druck und muss sich in herausfordernden Zeiten bewähren. Extreme Parteien gewinnen an Wählergunst, autoritäre Strömungen nutzen soziale Netzwerke für gezielte Desinformation und der Respekt im Umgang miteinander schwindet. Ängste werden durch Krisen wie Kriege, Klimawandel und Migration weiter geschürt und befördern eher egoistisches Verhalten als Vertrauen in den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Angesichts dieser Lage ist es heute wichtiger denn je, sich für unsere Demokratie einzusetzen. Wir als Stiftung Polytechnische Gesellschaft bekennen uns klar zu den freiheitlich-demokratischen Werten unseres Landes, die den Kernbestand unserer Demokratie bilden und vor genau 75 Jahren im Grundgesetz festgehalten wurden. Wir sind der Auffassung, dass wir nur gemeinsam und im differenzierten Austausch die komplexen gesellschaftlichen Herausforderungen lösen können. Demokratie ist Vielfalt und Interessensausgleich; sie ist Freiheit, die dort endet, wo die Rechte anderer eingeschränkt werden. Sie ist keine Selbstverständlichkeit, sondern historische Errungenschaft und muss immer wieder aufs Neue aktiv ein- und ausgeübt werden. Dazu möchten wir als Stiftung beitragen und haben daher einen eigenen Bereich für Demokratiebildung ins Leben gerufen. Dieser ergänzt die anderen operativen Bereiche der Stiftung, die ebenfalls Demokratiethemen aufgreifen, sowie den Förderbereich, in dem wir Demokratie-Initiativen Dritter unterstützen.

Die Programme des Bereichs Demokratiebildung richten sich an die junge Generation, um früh in der Bildungsbiographie anzusetzen und eine möglichst große Wirkung zu erzielen. Innerhalb dieser Generation ist es uns ein Anliegen, von Real- über Berufsschülerinnen und -schülern bis hin zu Master-Studierenden unterschiedliche Gruppen sowohl in der Breite als auch in der Spitze zu fördern.

Drei Bereiche, die ineinandergreifen und aufeinander aufbauen, sind uns hier wichtig: die Vermittlung von Wissen über Demokratie, das Einüben demokratischer Kompetenzen sowie die Stärkung von bürgerschaftlichem Engagement für Demokratie und gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Wissen über Demokratie und demokratische Werte vermitteln

Die Programme im Bereich Demokratiebildung regen junge Menschen dazu an, sich mit verfassungsrechtlichen, politischen sowie gesamtgesellschaftlichen Fragestellungen näher zu beschäftigen und das eigene Wissen zu vertiefen. Themen sind etwa die deutsche Verfassung, demokratische Werte (wie Gleichheit, Freiheit, Toleranz), anstehende Wahlen oder das Berufsfeld von Politikerinnen und Politikern. Sie sind für junge Menschen vor allem dann spannend und einprägsam, wenn Personen aus der Praxis wie Stadtverordnete oder Expertinnen befragt werden können und ein direkter Austausch stattfinden kann.

Kompetenzen demokratischer Praxis fördern

Ganz in der Tradition der Aufklärung geht es der Stiftung darum, die Demokratiemündigkeit von jungen Menschen zu fördern, um sie zu befähigen, sich eigenständig ein begründetes Urteil zu bilden und dieses in der Gesellschaft zu vertreten. Dazu gehören das Erlernen einer offenen Diskussionskultur mit auf Vernunft basierenden Argumenten, die Stärkung von Toleranz gegenüber anderen Meinungen und Lebensweisen sowie die Befähigung, einen Konsens zu finden und mit ausverhandelten Kompromissen zu leben. Auf der psychologischen Ebene sind Resilienz und Ambiguitätstoleranz (also die Fähigkeit, Ungewissheit auszuhalten und mit dynamischem Wandel umzugehen) wichtige Eigenschaften. Für das Einüben dieser Kompetenzen setzen wir uns ein und stärken so die Persönlichkeitsentwicklung der Personen, die an unseren Programmen teilnehmen.

Demokratische Teilhabe und Teilgabe stärken

Wissen und demokratische Kompetenzen sind Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe bzw. dafür, sich kompetent und qualifiziert in die Gesellschaft einbringen zu können. Die junge Generation kann sich nur dann für Demokratie engagieren, wenn sie die verschiedenen Möglichkeiten dafür kennt und es Freiräume für offenen Austausch, das Einüben von Demokratiepraktiken und das Erproben von Verantwortungsübernahme gibt. Hier setzen wir als Stiftung an und geben jungen Menschen Orientierung und Entfaltungsmöglichkeiten. Sie übernehmen Verantwortung für eigene Projekte, bringen sich in Veranstaltungen ein und geben dadurch der Gesellschaft – im Sinne einer „Teilgabe“ – auch wieder etwas zurück. Damit dies gelingt, muss die Gesellschaft junge Menschen ernst nehmen, ihnen etwas zutrauen, ja manchmal auch zumuten, und Verantwortung an sie abgeben. Auch dafür setzen wir uns ein und kooperieren mit Jugendorganisationen wie dem StadtschülerInnenrat Frankfurt.

Auf diese Weise trägt der Demokratiebereich nicht nur zur Persönlichkeitsentwicklung und zur Teilhabe junger Menschen bei, sondern stärkt auch den gesellschaftlichen Zusammenhalt und das Bauen am "Wir".

Programme im Bereich Demokratiebildung

Das Programm Junge Paulskirche. Schülerforum für Demokratie und Verfassung gehört zu den bereits etablierten Demokratie-Formaten der Stiftung und richtet sich seit 2020 an besonders politikinteressierte Oberstufenschülerinnen und -schüler. In fünf sogenannten Paulskirchendebatten lernen sie, über komplexe Sachverhalte wie Grundrechtsabwägungen oder den Rechtsstaat zu diskutieren, eine Perspektive einzunehmen, die nicht notwendigerweise ihrer eigenen Meinung entspricht, und erproben sich in der Kompromissfindung – stets orientiert am respektvollen Umgang miteinander. Das Programm endet mit einer von den Jugendlichen mitgestalteten Abschlussveranstaltung in der Paulskirche, mit der wir weitere rund 600 Schülerinnen und Schüler erreichen.

Das Format Demokratie in der Stadt. Unsere erste Wahl – unsere Zukunft! richtet sich an Jungwählerinnen und -wähler, und findet zeitnah vor Wahlen statt, an denen sie zum ersten Mal teilnehmen können. Zu einer möglichst breiten Ansprache der Zielgruppe tragen unsere Kooperationspartner, der StadtschülerInnenrat Frankfurt und das Journal Frankfurt, bei. Die aktive Mitarbeit an Thementischen und der direkte Austausch mit Politikerinnen und Politikern, Expertinnen und Experten motivieren die jungen Erwachsenen, sich über die bevorstehende Wahl zu informieren und den politischen Handlungsbedarf in aktuellen Themenfeldern zu erörtern. Mit diesem Format tragen wir dazu bei, dass junge Stimmen nicht nur Gehör finden, sondern sich auch einbringen können – ein erster wichtiger Schritt, um gesellschaftliche und politische Verantwortung zu übernehmen.

Die Politik-Lotsen – Wege in die Stadtpolitik, die Ende 2023 mit einer Pilotveranstaltung startete. Sie bringt junge Menschen in den direkten Austausch mit Politikerinnen und Politikern, um ihnen einen Einblick in dieses spannende Berufsfeld zu geben. Dabei stehen nicht parteipolitische Inhalte im Vordergrund, sondern die persönliche Erfahrung und die eigene Motivation, sich für diesen Beruf zu entscheiden. Politikerinnen und Politiker können hier als Vorbild fungieren, indem sie zeigen, wie ihr Weg in die Politik ausgesehen hat, welche Herausforderungen sie gemeistert haben und wie der Arbeitsalltag aussieht. Zugleich können die jungen Leute Fragen stellen und sich über Möglichkeiten für ein eigenes politisches oder bürgerschaftliches Engagement informieren. Denn unsere Erfahrung zeigt, dass die Bereitschaft bei jungen Erwachsenen durchaus da ist, sich einzubringen, es vielen aber oft nicht klar ist, wie genau der Einstieg gelingen kann. Hier möchten wir gerne Hilfestellung geben.

Eine wichtige neue Zielgruppe im Bereich Demokratiebildung sind Schülerinnen und Schüler an Berufsschulen sowie an Real- und Gesamtschulen, für die wir zweitägige Demokratie-Workshops konzipieren. In interaktiven und abwechslungsreichen Modulen werden sich die Schülerinnen und Schüler einer gesamten Klasse bzw. eines Kurses mit grundlegenden Fragen zur Demokratie und ihren Werten auseinandersetzen und ihr Medienverhalten hinterfragen. Diskussionen über die Vorteile einer Demokratie, das Erkennen von Fake News oder das Ausverhandeln einer Zukunftsvision vermitteln Wissen und fördern die Fähigkeit, sich eine eigene Meinung zu bilden und diese zu vertreten.

Auch die Lehrkräfte werden wir gezielt einbeziehen und eine Fortbildung zum Themenfeld Demokratiebildung anbieten, die den Workshops vorangestellt sein wird, unter Berücksichtigung ihrer konkreten Bedürfnisse.

Schließlich wird ab Mitte 2024 mit dem Demokratiestipendium Junges Forum Demokratie die Zielgruppe jener Studierenden in den Blick genommen, die Ingenieurswissenschaften an anwendungsorientierten Hochschulen studieren. Unser Anliegen ist es hierbei, künftige Ingenieurinnen und Ingenieure für gesamtgesellschaftliche Fragen zu sensibilisieren und ihnen Denkanstöße zu geben, vor dem Hintergrund, dass Technik unsere Gesellschaft stark prägt, Demokratiethemen im Studium oft aber nur eine untergeordnete Rolle spielen. Wir freuen uns, bei diesem Stipendium mit der Frankfurter Bürgerstiftung zusammenzuarbeiten und deren Format "Forum Demokratie im Frankfurter Bürgersalon" in das Curriculum einbeziehen zu können. So werden die Stipendiatinnen und Stipendiaten zuerst eine Podiumsdiskussion dieser Reihe besuchen, um im Anschluss darüber mit Frau Prof. Dr. Ulrike Ackermann in unserem Programm zu diskutieren.

Sich gemeinsam der Verantwortung stellen

Aus einer Fülle von Möglichkeiten haben wir für den neuen Bereich Demokratiebildung eine erste Auswahl getroffen und uns mit Programmen für die junge Generation auf den Weg gemacht. Die Krisen der letzten Jahre haben verdeutlicht, dass Demokratie kein Selbstläufer ist und wir aktiv zu ihrer Stärkung beitragen müssen. Dass wir aufstehen und handeln müssen, jeder nach seinen Möglichkeiten. Es braucht Wachheit, Vernunft und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Weniger Egoismus und viel mehr von einem großen und demokratischen Wir!

Gerade Stiftungen können eine wichtige und sinnvolle Rolle spielen, wenn es um die Stärkung der Demokratie geht, indem sie demokratische Werte vermitteln, die Persönlichkeitsentwicklung fördern und Möglichkeiten für bürgergesellschaftliches Engagement aufzeigen. Stiftungen sind finanziell und politisch unabhängig – durch diese Handlungsfreiheit können sie wichtige Akzente setzen, Impulsgeber sein – sei es für neue Formate oder neue Plattformen der Zusammenarbeit –, Ideen testen und dem Staat beratend zur Seite stehen. Für eine widerstandsfähige Demokratie und die Suche nach Lösungen in Krisenzeiten wird wichtig sein, dass Staat, Wirtschaft und Zivilgesellschaft gemeinsam handeln und sich für Bildung und Aufklärung einsetzen. Dieser Verantwortung stellt sich auch die Stiftung Polytechnische Gesellschaft.

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